Zeitzeugin Katja Sturm-Schnabl

Zeitzeugin Katja Sturm-Schnabl, aktuelles Porträtfoto © Katja Sturm-Schnabl

Katja Sturm-Schnabl (Stanislawa Katharina) ist heute 85 Jahre alt. Sie wurde am 17. Februar 1936 in Zinsdorf/Svinča vas bei Klagenfurt geboren und wuchs mit ihrer Schwester Veronika und ihren Brüdern Andrej und Franci auf einem bäuerlichen Gutshof der Familie in Kärnten auf. Dort lebten Eltern, Großeltern, zwei Tanten, auch sechs bis acht ArbeiterInnen und zu Erntezeiten kamen noch Taglöhner hinzu.

In ihrer frühen Kindheit führt sie ein glückliches Leben in der erweiterten Großfamilie des Hofes. Im näheren Umfeld wird in weiten Teilen slowenisch gesprochen. Die Familie gehörte der Volksgruppe der Kärntner SlowenInnen an und ist in das lokale Kulturgeschehen involviert. Ab dem Jahr 1938 wird dieses zunehmend eingeschränkt und Gruppen wie der Slowenische Chor oder der Kulturverein werden aufgelöst.
Im April 1942 wird die Familie durch die NS-Behörden, unter Einsatz von bewaffneten Militärs von ihrem Bauernhof deportiert und in ein Sammelager für Kärntner Sloweninnen und Slowenen gebracht. Katja kam mit ihren Eltern und Geschwistern in dieses Sammellager in Ebenthal bei Klagenfurt wo sie ihre Großmutter mütterlicherseits wieder trafen. Sie lag in dieser Baracke auf Stroh, neben ihr das jüngste Kind eines Onkels, ein acht Monate altes Baby. Als die Großmutter Katjas Mutter erblickte, sagte sie immer wieder: "Nemci nas nekam vlečejo." ("Die Deutschen schleppen uns irgendwohin.")

Nach einigen Tagen wurden Katja und ihre Familie aus dem Zwischenlager Ebenthal mit dem Zug in ein Lager in Rehnitz deportiert.

"Gegen Abend wurden wir wieder zu den Bahngleisen getrieben, da standen Viehwagons und da wurden die Leute hineingepresst, für alle war es schrecklich. Dann gingen die Türen zu und es war finster. Dann war auf einmal Panik und Gekreische und Schluchzen und also eine apokalyptische Stimmung. Die Fahrt hat sehr, sehr lang gedauert. Und dann sind wir eben in den Ort gekommen, der heißt Rehnitz, das ist heute in Polen."

Nach 3 Monaten kam Katja mit ihrer Familie von dieser Sammelstelle (Rehnitz) in ein Zwangsarbeiterlager unter SS Verwaltung nach Eichstätt in Mittelfranken (heutiges Oberbayern), dort sollten sie bis zur Befreiung bleiben. Der Vater wurde als Zwangsarbeiter nach Karlsruhe geschickt, wo er in der Rüstungsindustrie arbeiten musste. Die Mutter wurde zuerst als Hausgehilfin eingesetzt, dann musste bis zur Befreiung in einer Schuhfabrik arbeiten.

Im Lager Eichstätt wurden alle Menschen ab dem 14. Lebensjahr zur Zwangsarbeit eingeteilt. Für die jüngere gab es ein striktes Bildungsverbot, es durfte niemand unterrichten. "Irgendwann einmal wollte ein Invalide, der auch im Lager war, uns unterrichten. Aber das ist sofort verboten worden." So wird Katja erst 1946 das erste Mal eine Volksschule besuchen.

Ein weiterer Schicksalsschlag, von dem sich die Familie nie erholte, ereignete sich, als im Lager Eichstätten eine Scharlach Epidemie ausbrach. Als ihre Schwester Veri (Veronika) erkrankt und hohes Fieber bekommt, wird sie von der Mutter zum Lagerarzt gebracht. Dieser verabreichte der damals achtjährigen Veronika eine tödliche Injektion und sie starb in den Armen ihrer Mutter.

Katja Sturm-Schnabl als Kind mit ihrer Mutter © Katja Sturm-Schnabl

1945 wurde die Familie von den Amerikanern befreit und kehrte im Juli 1945 nach Villach/Kärnten zurück. Die Menschen in Österreich hießen Katja und ihre Familie 1945 nicht willkommen. Bei der Ankunft am Bahnhof werden alle direkt nach dem Aussteigen von englischen Soldaten festgehalten.

"Wir sind dann in Villach angekommen und dazwischen hat ja wieder die Kärntner Landesregierung funktioniert, die Beamten waren natürlich dieselben, die haben die Engländer, die die ja die Besatzungsmacht in Kärnten waren dahingehend informiert, dass das lauter Kriminelle sind und gar nicht hierhergehören. Und dann sind die englischen Soldaten [mit Gewehr im Anschlag] vor den Waggons gestanden und wollten uns nicht aussteigen lassen. Wir sind trotzdem ausgestiegen und haben eineinhalb Tage dort am Boden ausgeharrt und haben uns nicht vertreiben lassen, bis die Engländer aufgeklärt waren, bis sie gesehen haben, was das war. Zuhause hat es sehr traurig ausgesehen, erstens einmal war das bevölkert von irgendwelchen ungarischen Soldaten und dann waren die Tiere nicht mehr da, [derjenige der den Hof von den Nazis bekommen hatte], ist wieder nach Italien zurückgegangen und hat alles mitgenommen was nicht niet- und nagelfest war."

Zeitzeugin Katja Sturm-Schnabl, Porträtfoto als junges Mädchen © Katja Sturm-Schnabl

1946 konnte Katja endlich die Volksschule besuchen. In nur einem Jahr absolviert sie alle 4 nötigen Volksschuljahre. Sie besucht das Gymnasium und studiert an der Universität Wien Slawistik, südslawische Literaturen, Russisch, Kunstgeschichte und Byzantinistik. 1973 promoviert sie mit einer international beachteten Studie zur slowenischen Mundart und wird schließlich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Als Teilnehmerin an zahlreichen internationalen Treffen, publiziert sie in zahlreichen Sprachen und förderte den interkulturellen Dialog durch die Übersetzung ausgewählter Schlüsselwerke aus Literatur und Forschung. Sie erhält zahlreiche Preise wie das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich (2015) oder den Vinzenz-Rizzi-Preis des Zentralverbands slowenischer Organisationen in Kärnten (2019).
Bis heute ist sie als Zeitzeugin an Schulen um über ihre Erfahrungen zu sprechen und diese weiterzugeben.

Quellen: