Zeitzeugin Erika Kosnar

Erika Kosnar wurde 1932 in einer jüdischen Arbeiterfamilie als Kind eines Hilfsarbeiters und einer Schneiderin in der Hauffgasse im 11. Wiener Gemeindebezirk geboren.

Porträt Zeitzeugin Erika Kosnar - Copyright MKÖ/Sebastian Philipp

Geld war in der Familie immer knapp. Ihre Mutter war aus Liebe zum Judentum konvertiert, konnte den Übertritt aber vor den Nazis geheim halten. Ihre Kindheit verbrachte Erika Kosnar in Simmering, wo sie auch zur Schule ging. Ihr Vater arbeitete vor 1938 bei der Firma Imperial Feigenkaffee. Seine Liebe zur Mathematik konnte er bei seiner Tätigkeit als Sparvereinskassier ausleben. Für Erika war er ihr Fels in der Brandung. Den Tag des Anschlusses im März 1938 erlebte sie mit ihrem Vater. "Mein Papa ist gekommen und hat sich auf den Sessel neben der Tür fallen lassen. Es kamen nur die Worte 'Jetzt ist alles aus, Jetzt ist alles aus'. Wie schlimm es wirklich noch werden würde, das haben wir damals nicht gewusst."

Als Erika 1938 eingeschult wurde, konnte sie vorerst weiter am normalen Unterricht teilnehmen. Erst im Jahr 1941 musste die fleißige und erfolgreiche Schülerin die Schule verlassen. "Zu Beginn der 4. Klasse ist plötzlich unser Klassenvorstand, die Frau Marion Binder, hereingekommen. Sie war eine überzeugte Nazisse. Wir mussten aufstehen und unseren Führer begrüßen, dann durften wir uns niedersetzen. Und dann hat sie mich aufgerufen und hat gesagt, ich wäre nicht würdig mit arischen Kindern in die Schule zu gehen." Beim Hinausgehen tröstete sie der Direktor der Schule. "’Erikal, wein’ nicht, das geht vorbei", sagte er zu ihr.

Zeitzeugin Erika Kosnar im Interview - Copyright MKÖ/Sebastian Philipp

Ihre weitere Schulzeit verbrachte Erika in einer so genannten "Mischlingsschule". Dort wurde nicht von LehrerInnen unterrichtet, sondern vor allem von ehemaligen Geschäftsleuten. Immer wieder gab es Schikanen durch die SA. Trotz der schwierigen Bedingungen - erinnert sich Kosnar - "haben die Lehrkräfte wirklich versucht, uns etwas beizubringen."

Immer wieder geriet die Familie in große Gefahr. "Im Jahr 1941, begann der Russlandfeldzuges. Mein Vater hat sich auch für Geschichte interessiert und hat gemeint, dass sich Adolf Hitler hier genauso "kalte Füße holen" würde wie Napoleon. Mein Vater wurde vernadert (denunziert)." Es folgte eine Vorladung zur Gestapo-Leitstelle am Morzinplatz. Die Gestapo-Leitstelle in Wien war die brutalste im ganzen Dritten Reich. Diese Vorladung ging aber glimpflich aus, genauso wie eine Hausdurchsuchung durch einen SS-Mann, der Schmuck konfiszieren wollte. "Es ist ja in jüdischen Familien immer Brauch gewesen, den Gattinnen zu irgendeinem Anlass ein Schmuckstück zu schenken. Warum? Das war das leichteste Fluchtgepäck. Was man im Kopf hat und was man an Schmuck hat, mit dem kann man am ehesten davonrennen", erinnert sich Kosnar.
Von Zeit zu Zeit versuchte die Mutter die Tochter aus der Schusslinie zu befördern und brachte sie ins Waldviertel zu einer alten Bäuerin. Zu dieser Zeit wurden - wegen der Bombardierungen - auch bereits Kinder aus Deutschland zu den Bauern in Österreich gebracht. Bei den vielen Kindern fiel die kleine Erika Kosnar nicht weiter auf.

Gleichzeitig fuhr die Mutter auch ins Waldviertel, um die Versorgung der Familie zu gewährleisten. Manchmal war auch Erika mit dabei, wenn die Mutter wieder zu den Bauern hamstern fuhr. "Die einzige Möglichkeit uns über die Runden zu bringen war, dass die Mama ins Waldviertel 'hamstern' gefahren ist. Die Mutti hat für die Bäuerinnen genäht und für ihre Arbeit hat sie dann Lebensmittel bekommen. Oder sie hatte irgendetwas zu tauschen. Oder die Bäuerinnen haben gesagt, wann’s das nächste Mal kommen, bringen’s uns das und das mit, was die Mutti, wenn’s gegangen ist, besorgt hat."

Zeitzeugin Erika Kosnar im Interview - Copyright MKÖ/Sebastian Philipp

Erleichtert wurden diese Fahrten durch den gefälschten Ausweis von Erikas Mutter. Die Mutter hatte sich "re-arisiert", wie das in der Familie bezeichnet wurde. Als konvertierte Jüdin konnte sie ihren alten Taufschein dafür nutzen. Mit einer speziellen Art präparierten sie den Taufschein, dadurch wirkte der neue Ausweis auf einmal alt, brüchig und schon viele Jahre gebraucht. Und auch die Rückseite schien wieder leer zu sein. "Auf da Hinterseiten war ja der Vermerk, dass sie zum jüdischen Glauben übergetreten ist. Das dürfte in der Kultusgemeinde alles zeitgerecht verräumt geworden sein. Durch das haben die das nicht gewusst. Darum haben wir immer gesagt: Die Mama hat sich 're-arisiert'. Jetzt hatte sie einen normalen Pass gehabt."

Gute Schauspielkünste, Glück und eine gewisse Dreistigkeit brachte die beiden immer wieder durch brenzlige Situationen, etwa bei Kontrollen durch Militär und Gendarmerie. "Meine Mutter muss ein ganzes Regiment von Schutzengel beschäftigt gehabt haben. Sie ist immer durchgekommen."
Erika Kosnar beschreibt eine Situation, als sie mit ihrer Mutter gemeinsam während der Marillen Zeit im Waldviertel in Krems unterwegs war. Auf einmal kam ein Gendarm auf sie zu. Die Mutter sagte aber seelenruhig und so laut, dass es der Gendarm auch hörte: "Na, lass ihn nur kommen." Als der Gendarm fragte, ob sie Marillen hätte, hält sie ihm das Gepäck schön freundlich hin, Koffer und Tasche, und sagt "Nicht eine Einzige." "Es war auch keine Marille drinnen, aber alles was drin war, war verboten. Vor allem eines war drin - 1 Kilo Mohn. Auf Mohn stand damals die Todesstrafe, denn das Mohnöl hat man für die Flugzeugindustrie gebraucht. Nachdem die Mutti ihm das so freizügig hingehalten hat, war er damit zufrieden und hat sich umgedreht und ist wegmarschiert. Und wir sind wieder einmal ungeschoren nach Wien gekommen."

Kurz vor Ende des Krieges wurden beide Eltern noch von einer Splitterbombe verletzt, konnten aber rechtzeitig verarztet werden. Erika Kosnar erlebte das Ende des Krieges im Hof ihrer Wohnung in Simmering. "Ich bin mitten im Hof gestanden. Plötzlich haben die noch verbliebenen Glocken zu läuten begonnen und vom Fenster oben hat eine Frau runter geschrien: 'Es ist Frieden‘. Mir bleibt heute noch die Luft weg, wenn ich daran denk."

Nach dem Krieg lernte sie ihren Mann kennen, bekam Kinder, Enkel und schließlich Urenkel. Sie arbeitete als Sekretärin und lebt bis heute in Simmering. Auch nach 1945 erlebte sie immer wieder Antisemitismus und Hetze gegen Juden und Jüdinnen.

Porträt Zeitzeugin Erika Kosnar - Copyright MKÖ/Sebastian Philipp

Jahrzehntelang sprach Erika Kosnar nicht öffentlich über ihre Erfahrungen. 1988 wurde sie von einem Historiker kontaktiert und begann, sich mit ihren Erinnerungen auseinanderzusetzen.

Seit dem Jahr 2000 spricht sie auf Veranstaltungen, vor allem an Schulen. Wenn sie SchülerInnen trifft, ist es ihr wichtig mit ihnen auf Augenhöhe und mit einer guten Portion Witz zu sprechen. Gleichzeitig ist sie auch heute noch gut über die politische Situation informiert und setzt sich für Zivilcourage und Menschlichkeit ein.

Auch die Solidarität in den kleinen Situationen des Alltags ist ihr wichtig. "Oft muss sich nur die erste Person trauen", sagt sie. Erika Kosnar erzählt dazu die Geschichte, die sie bei einer Straßenbahnfahrt erlebt hat: "Da stand eine Dame drinnen, mit dem Abzeichen und hat festgestellt, dass 'der Judenbaugert' aussteigen soll. Nur ist da etwas passiert, was damals verhältnismäßig selten war. Es war ein Arbeiter, der gesagt hat, lassen’s das Kind in Ruhe, des Kind kann ja nichts dafür. Und nachdem sich der das getraut hat, haben sich die anderen an seine Seite gestellt. Und die Dame konnte nur bei der nächsten Station aussteigen. Also, es ist auch so etwas geschehen und das ist etwas, das ich bei den Schülern sehr gerne anspreche. Ich sage dazu Zivilcourage."

Quellen: