Zeitzeugin Erika Freeman

Zeitzeugin Erika Freeman © Lukas Beck lukasbeck.com

Erika Padan Freeman, geboren als Erika Polesiuk am 1. Juli 1927 in Wien, ist heute 94 Jahre alt und feiert am 1. Juli 2022 ihren 95. Geburtstag.

Erika Padan Freeman lebte mit Ihrer Familie in der Ausstellungstrasse im 2. Wiener Bezirk. 1938 mit "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland wurden Erika und ihre Familie von den Nationalsozialisten zum Umzug in eine Sammelwohnung für Jüdinnen und Juden in die Engerthstrasse gezwungen. Es war ihr verboten in ihr ursprünglichen Gymnasium zu gehen. Als Vorzugsschülerin konnte sie in ein Gymnasium am Augarten gehen, dem einzigen, das noch für jüdische Kinder geöffnet war.

"Wir konnten von einem Tag auf den anderen nicht mehr mit der Straßenbahn fahren. Ich erinnere mich auch an das jüdische Theater am Nestroyplatz. An einem Abend standen alle Schauspieler auf der Bühne und verkündeten, dass dies die letzte Vorstellung sei. Sie durften nicht mehr spielen. Ich durfte nicht mehr in meine Schule gehen und kam in das einzige noch offene Gymnasium für jüdische Kinder, ins Chajes-Gymnasium beim Augarten. Einmal sah mich ein vorbeimarschierender SSler am Straßenrand stehen, hob mich auf und sagte: 'So sieht ein deutsches Mädchen aus.' Ich mit meinen blonden Zöpfen und den blauen Augen. Von da an musste ich oft jüdische Freunde meiner Mutter durch die Stadt begleiten, wenn irgendwo ein Visum abzuholen war. Man sagte mir, ich sei gewissermaßen ein kleines blondes Schutzengerl gewesen, dass sie nicht von der Straße weg verhaftet wurden. Das berührt mich sehr."

Erika Freemans Vater musste 1938 vor den Nationalsozialisten nach Prag flüchten. Er war auch Sozialdemokrat und war Außenminister im Schattenkabinett der Sozialdemokratie. In Prag wurde er später von den Nationalsozialisten verhaftet und in KZ Theresienstadt deportiert. Rachel Grau - Erikas Mutter - sorgte dafür das Erika im Alter von 12 Jahren in die USA emigrieren konnte. Ihre Mutter selbst wurde von den Nationalsozialisten nach Polen deportiert. Sie konnte flüchten und kehrte nach Wien zurück, wo sie sich als sogenanntes "U-Boot" im Untergrund vor den Nationalsozialisten versteckte. Sie kam am 12. März 1945 bei der Bombardierung des Philipphofs kurz vor Ende des 2. Weltkrieges ums Leben. Rachel Graus Leben gilt als Vorlage die Kurzgeschichte des Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer, die als "Yentl the Yeshiva Boy" mit Barbra Streisand verfilmt wurde.

Zeitzeugin Erika Freeman © Claudia Prieler

Erika (Polesciuk) Freeman kam am 12. März 1940 mit der "SS Westerland" in New York an und fand bei weit entfernten Verwandten in den USA Unterschlupf.

Erika Freemans Vater war im KZ Theresienstadt in der kleinen Festung inhaftiert, wo sie "die Politischen" unterbracht waren. Er hatte großes Glück und von einem schwedischen Diplomanten gerettet, der ins Lager kam, um schwedische Staatsbürger auszulösen und heimzuholen. Erikas Vater hatte blonde Haare und blaue Augen. Lange Zeit glaubte sie, dass ihr Vater in Theresienstadt ums Leben gekommen sei.

1946 an Jom Kippur traf ihr Vater zufällig ihren Onkel in New York und erfuhr so, dass seine Tochter den Nazi-Terror überlebt hatte.

Erika studierte an der Columbia University und wird zu einer hoch angesehenen Psychoanalytikerin. In ihrer Dissertation untersuchte sie die Stellung der Familie im israelischen Kibbuz-System, eine von der Anthropologin Margaret Mead hoch empfohlene Arbeit.

Sie war verheiratet mit dem Künstler Paul Freeman, der 1980 starb.

Erika hat ihren Mädchennamen ins Hebräische übersetzt und nennt sich heute Erika Padan Freeman.

Als Opfer des brutalen Rassismus des Naziregimes geht Erika mit Optimismus und Aktivität entschieden gegen ein "Niemals wieder" vor.
In den letzten Jahren nähert sie sich auch ihrer alten Heimat Österreich wieder an und setzt sich als Zeitzeugin unermüdlich gegen das Vergessen ein.

In Wien wohnt Erika Freeman meist im Hotel Imperial. Für sie handelt es sich dabei um eine Art "Rache an Hitler", der das Imperial als seine "Wiener Residenz" bezeichnet hatte.

Quellen: